Ungeschminktes zum Geburtstag

„Geld oder Leben“, so hat mir vor Jahren ein geschätzter älterer Kollege das Dilemma beschrieben, in dem er auch selbst steckte. „Entweder zu wenig Zeit und Kraft für das, was einem wirklich am Herzen liegt oder zu wenig Geld.“
Aus welchen Gründen auch immer, mir fiel diese besch… Wahl meist leicht. Gleichzeitig mag ich dieses Dilemma nicht als unauflöslich akzeptieren. Und vermutlich erleben viele Menschen das auch gar nicht so?
Noch einmal, von einer anderen Seite her: facebook schlägt mir zum Geburtstag vor, dass ich eine Spendenaktion für ein soziales Projekt meiner Wahl starten kann. Ich fühle mich nicht in der Position dazu. Sondern brauche Geld für meine eigenen Projekte, um den Lebensunterhalt von meiner Familie und mir zu finanzieren. Dafür zu werben ist mit Schamgefühlen verbunden. Interessant! Denn mittlerweile bin ich mehr dazu bereit, „negative Gefühle“ zu fühlen. Wieso ist mir das teilweise peinlich? Weil es „egoistisch“ ist oder einen Mangel aufdeckt? Das trifft es nicht. Vielleicht eher, weil ich „in mir weiß“, dass diese Projekte nicht selbstlos sind in einem engen Sinne sind, meine Motivation weder ist, die Welt zu retten, noch – in erster Linie – „anderen Menschen“ zu helfen?
Ich tue, was ich tue aber auch nicht „nur für mich“, mehr „aus mir heraus“ und bin überglücklich, wenn es Menschen beglückt. Ich empfinde eine tiefe Freude darin, meine Gaben zu entwickeln und zu geben, sei es nun durch das Schreiben oder durch das Begleiten von Menschen oder von Gruppen von Menschen. „Natürlich“ ist da nicht nur Freude, sondern auch Gefühle von Unsicherheit und von Anstrengung. Und doch ist es das, was ich von Herzen tun will und im Tun erfahre ich immer genauer, WAS ich tun will oder vielleicht sogar, was „durch mich getan und gegeben werden will.“
Das ist weder egoistisch, noch ist es selbstlos.
Es sind Geschenke, die zu entpacken sind. Von mir, indem ich meine Gaben übe und „von der Welt“, indem sie diese Gaben annimmt. Es wird mir immer klarer, dass es nicht mein Verdienst ist, wenn ich etwas gut mache. Buchstäblich alles wirkt daran mit und nichts, was ich zu geben habe, kommt von mir als Person, allenfalls durch mich. Und doch fühle ich eine persönliche Verantwortung, es ist wie ein Antwort-geben auf die Fragen des Lebens. Ein manchmal märchenhaft Schönes – wenn etwas „aufgeht“, ein Mensch oder eine Gruppe eine alte Last auflöst, sich Erleichterung einstellt und ja, Liebe; manchmal bedrückendes „Gespräch“, wenn ich den Eindruck habe, ich finde die stimmige Antwort auf eine Situation in mir nicht und werde auch „von außen“ nicht beantwortet.
Das Alles ist meist sehr reich, auch wenn ich da und dort Mangel empfinde – aber ist es privilegiert, tun zu dürfen, was ich von Herzen tun will? Das fühlt sich auch nicht stimmig an. Privilegien legen Schuldgefühle nahe und diese hemmen ähnlich wie Schamgefühle. Stimmiger ist Dankbarkeit und aus Dankbarkeit wächst leichter die Fähigkeit andere Menschen in ihren Kämpfen wahrzunehmen und zu würdigen. Denn das ist mein „Hauptantrieb“: mich selbst und andere Menschen zu ermutigen und ganz konkret zu begleiten, den jeweils ganz eigenen Weg zu gehen und dem Leben immer mehr zu vertrauen, ohne dabei etwas schönzureden. Weil ich zutiefst glaube, dass wir es viel viel besser miteinander haben, wenn wir unserem „Herzenswillen“ folgen, als wenn wir unsere Sehnsüchte begraben und zu funktionieren beginnen.
Ich habe den Weg noch nicht gefunden (oder bin ihn noch nicht zu Ende gegangen), der verlässlich zu „Geld UND Leben“ führt. Ich fühle mich schon gut abgesichert, wenn ich weiß, dass ich die nächsten drei Monatsmieten zahlen kann – das ist im Moment nicht der Fall – und ich wünsche mir oft nichts sehnlicher, als endlich einen fünfstelligen Betrag auf meinem Konto zu haben (was das letzte Mal vor 10 Jahren der Fall war). Manchmal bin ich stolz darauf, dass ich diesen Weg schon seit so vielen Jahren gehe, mit all seinen Höhen und Tiefen, manchmal überfallen mich Scham, Frustration oder sogar Verzweiflung. Aber in mir wächst die Gewissheit, dass es ein riesiges Land gibt, zwischen dem „in einem System funktionieren müssen“ und „an dem System zerbrechen“. Die älteste Geschichte in meinem Buch „Wege durch die Angst“ beschäftigt sich genau mit diesem Thema und ist mittlerweile weit über 20 Jahre alt. Die jüngste Geschichte habe ich vor wenigen Monaten geschrieben, eben geht das Buch in Druck.
Was ich mir zum Geburtstag wünsche, von dir, falls du Lust haben solltest, mir etwas zu schenken? Dass du dir genug Zeit nimmst, in dir wahrzunehmen, ob eine meiner Gaben gut für dich oder jemand, den du kennst und gern hast, sein könnte. Und falls das der Fall ist, dass du sie annimmst und mir dadurch die Möglichkeit schenkst, weiter und geborgener auf meinem Weg des „Herzwillens“ zu wandeln.
Danke und alles Liebe, Michael
Und hier, anlässlich meines Geburtstages, mache ich DIR einige Geschenke! Auszüge aus einem Buch, an dem ich mit einem Kollegen gerade schreibe -- ob und in welcher Form es in die Öffentlichkeit kommen wird, steht noch in den Sternen. Es sind Essays über die Wirklichkeit -- schreibend herausfinden, WIE ES WIRKLICH IST. Ein Anspruch, an dem nur scheitern kann -- oder eben eine Tür zu einer tieferen Weisheit öffnen kann, die über das "kleine Ich" hinausgeht. Die Texte hier sind Auszüge aus meinen Essays:
Kapitel 1 - Wie es wirklich ist

Wie es wirklich ist:

Ich bin das Universum. Alles, das All. Unbegrenzt. Vollkommen im Fluss, ewig. Ohne Anfang und Ende. Was war, was ist, was wird. Unzerstörbar, stets in Verwandlung.

Das ist die Wahrheit.

 

Ich bin ein missbrauchtes Kind. Verängstigt, allein, misstrauisch. Verwundet. Gebrannt, das Feuer scheuend, mich dem Leben entziehend. Hoffend, sich sehnend, aufglühend. Mich hingeben wollen und doch nicht können.

Das ist die Wahrheit.

 

Wahrheit und Irrtum.

Ich bin Täter und Opfer. Das Große und das Kleine. Das Alles und das (fast) nichts.

Es genügt mir nicht, alles zu sein.

Es genügt mir nicht, ich zu sein.

Ich will vertrauen und vermag es doch nicht.

Ich bin nicht dumm. Ich weiß, habe erfahren, habe es mir gemerkt, dass „es“ sehr weh tun kann. Dass kein Zustand des Glücks und der Erkenntnis bleibt. Dass ich erhöht und erniedrigt werde.

Wie soll ich da vertrauen?

Auf was? Wem?

Aber ich kann mich auch nicht verstecken. Es gibt keinen Ort, an den ich mich zurückziehen könnte. Auch das ist wahr. Es hilft nicht, mich zu entziehen, zu verweigern – oder nur dies zu nehmen und das abzulehnen.

 

Ich muss alles nehmen, alles.

Wie sagte Gott neulich zu mir, im Garten?

Du willst im Vertrauen leben?

So vertraue.

Gib dafür einen unendlichen Vorschuss, einen unerschütterlichen Glauben, der keines Beweises bedarf. Gib alles auf, was dir Schutz und Heimstatt verspricht, Dach und Fundament und dieses Versprechen doch nicht halten kann, weil es in der Zeit gebaut ist und in der Zeit vergehen wird.

Vertrau so umfassend, so grenzenlos, so unschuldig, dass sich alles ergibt, weil es dem nicht gewachsen ist.

Du hast dich in Zweifel und Klugheit retten wollen und es hat dir nicht das gegeben, wonach du dich sehnst. Du hast dich hinter Vorbehalten verschanzt, dein Herz und deinen Geist verengt, um zu wählen, was du annimmst und was du zurückweist und es hat dich arm gemacht.

 

Nimm alles, dann ist alles dein.

Du gehörst dir nicht mehr – das ist schwer – aber es ist ein Segen, weil es die Wahrheit ist.

Du bist erlöst vom Besitz deiner selbst.

Das ist das ganze Leben, nach dem es dich dürstet und vor dem du dich fürchtest.

 

Kapitel 2Vertrauen im Alltag

Vertrauen kann man weder besitzen, noch erzwingen. Wenn du versuchst, „aktiv“ zu vertrauen, dann ist das, wie das sprichwörtliche „pfeifen im dunklen Wald“, um die Angst oder die bösen Geister zu vertreiben. Das erzeugt allenfalls einen kleinen Raum, von dem du versuchst, alles Bedrohliche fernzuhalten, aber dieser Raum bleibt ständig gefährdet.

 

Vertrauen zu praktizieren gelingt besser, wenn du dich für alles öffnest, was in dein Bewusstsein kommen will; noch präziser: wenn du alles fühlst, was gerade gefühlt werden will, sei es nun Angst oder Freude oder Schrecken oder Traurigkeit oder Wut oder was auch immer sonst. Dafür ist es natürlich gut, wenn du dich halbwegs sicher fühlst und dafür wiederum genügt oft schon eine Tasse Tee und ein schönes Plätzchen oder du streichst dir selbst über die Arme und gibst dir das Gefühl gehalten zu sein oder was immer für dich „funktioniert“. So gesehen ist das pfeifen im Wald eine Vorstufe, eine Art, dir die Dunkelheit vom Leib zu halten, um sie dann bewusst zu dir einzuladen.

 

Wenn ich das zulasse, alles fühle, was gefühlt werden will, erkenne ich oft, wie wenig ich tun kann, wie wenig ich in der Hand habe. Habe ich zum Beispiel Geldsorgen, gibt mir mein Verstand natürlich Strategien ein, wie ich meine Lage verbessern könnte, aber diese sind meist defensiv, von Sorge und Angst getränkt und nicht immer effektiv. Ob sie zum Ziel führen, habe ich nicht in der Hand und damit wird mir wieder ein Stück klarer, dass nicht ich es bin, der mir Sicherheit erarbeiten kann, Sicherheit in welcher Art und Weise auch immer. Keine Strategie, kein von mir erdachter Weg führt verlässlich zum Ziel.

 

Diese Erkenntnis ist in der Lage, die Angst noch zu steigern, denn sie nimmt mir die Illusion, etwas in der Hand zu halten.

 

Und wieder wird klarer: nur Vertrauen hilft, noch mehr vertrauen. Vertrauen heißt nicht wissen. Wenn ich mir sicher bin, wenn ich mir etwas gewiss bin, brauche ich nicht zu vertrauen. Vertrauen geht mit Angst einher und es ist ein Aufgeben. Ich kann es nicht wissen und übergebe mich dem Leben. Ich bin nicht der Meister und nicht das Opfer.

 

Wenn ich zurückblicke, sehe ich, wie oft ich fehlgegangen bin, aus heutiger Sicht etwas falsch gemacht habe, etwas nicht gesehen habe, das ich heute sehe oder etwas nicht tun konnte, das mir heute möglich ist. Und dennoch ist mein Leben erblüht. Vielleicht war all der Mist, den ich gebaut habe, sogar der Humus für das Erblühen? Was mir aber noch wichtiger ist: sogar, wenn ich ich fehl gehe, wenn ich blind herum taumle, entsteht und geschieht mir so viel Schönes. Also ja, ich darf vertrauen, denn das Leben vertraut mir, sogar wenn ich mir selbst nicht vertraue.

 

Und ja, es gibt einen Preis dafür fehlzugehen, also mehr aus Angst, denn aus Liebe zu handeln und der besteht in emotionalem Schmerz, in Schuldgefühlen oder existentieller Scham.

 

Auch das darf gefühlt werden.

Verzeihen bedeutet, mich mehr und mehr so zu lieben und so zu sehen, wie Gott mich sieht und Gott mich liebt.

Darauf vertraue ich.

 

Kapitel 3 - Der Wahrheit vertrauen

Vertrauen können ist demnach die Grundlage, um die Wirklichkeit wirklich sehen zu können, die Wahrheit erkennen zu können. Ist aber nicht auch das Gegenteil wahr? Erst wenn ich zweifle, wenn ich es wage, Einstellungen und Weltbilder zu hinterfragen, kann ich doch zur Wahrheit gelangen!

 

Ich muss alles anzweifeln, was mir als wahr erscheint und erst, wenn es unzweifelbar ist, wenn es stärker ist als der stärkste Zweifel, den ich aufbieten kann, bin ich zur Wahrheit gekommen.

 

Aber, wenn ich zweifle, grundlegend zweifle, an allem zweifle, was meine Welt ausmacht, kann ich nicht anders, als Angst zu haben. Wenn nichts sicher ist, nichts gegeben ist, nichts selbstverständlich, gibt es keinen Damm mehr gegen die existentielle Angst.

 

Aber wenn ich in der Angst bin, bin ich in der Enge. Und in der Enge sehe ich nicht mehr, ich sehe weniger. Ich werde dort nicht bleiben können, werde eine Sicherheit suchen müssen, die mich hält – und dieser Halt wird meine Sicht begrenzen.

 

Wir können die Wahrheit also nicht erkennen. Das bedeutet nicht, dass es sie nicht gibt?

Aber es gibt noch einen ganz fundamentalen Grund, wieso ein Mensch DIE Wahrheit nicht erkennen kann, nämlich, weil er eine ganz bestimmte Perspektive hat. Noch präziser: ein Mensch zu sein ist gleichbedeutend damit, eine Perspektive zu sein. Eine ganz individuelle Position, mit der ich auf das Ganze sehe, das sich für mich anders darstellt, als für jeden anderen Menschen.

 

Man könnte also sagen, die Wahrheit ist die Summe aller Perspektiven auf das Ganze. Nur Gott kann das Ganze sehen, weil „er“ durch alle Perspektiven gleichzeitig das Ganze sieht – das „sie“ ist. Gott sieht also mithilfe aller Teile auf sich selbst.

 

„Wir“ dagegen, sehen immer nur ein Fragment der ganzen Wirklichkeit. So sehr wir uns auch um Distanz bemühen, das Ganze können wir nie überblicken.

 

Müssen – oder dürfen – wir uns damit bescheiden? Mit der Erkenntnis, dass wir einen bestimmten Blickwinkel haben (oder dieser Blickwinkel, diese Erfahrung SIND), der für sich betrachtet wahr ist – und der unverzichtbar ist. Können wir uns damit bescheiden, dass wir „nur“ ein Fragment sind? Darin liegt ja auch die Wahrheit, dass wir keinesfalls unbedeutend sind! Wir sind einmalig und unsere ganz individuelle Erfahrung der ganzen Wirklichkeit ist ein existentieller Teil dieser ganzen Wirklichkeit. Man könnte sagen, ja, wir mögen nur ein Staubkörnchen sein, aber das ist kein Grund für Verzweiflung oder Nihilismus – wir sind bedeutsam, wir sind eine Deutung des unteilbaren Ganzen.

 

Noch mehr: das Ganze ist vollständig in jedem seiner Teile enthalten.

 

Also haben wir doch Zugang zur EINEN Wahrheit, nicht nur zu einem Ausschnitt?

 

In der Gewissheit, in dem Vertrauen, dass wir ein einzigartiger und unverzichtbarer Teil des Ganzen sind, in dem sich das Ganze widerspiegelt, können wir aufhören, vor unserer Erfahrung wegzulaufen. Wir können aufhören, sie manipulieren zu wollen, verbessern zu wollen, uns verbessern und manipulieren zu wollen.

 

Wir können ruhig werden. Wir können da bleiben, mehr und mehr. Mit allem, was wir erfahren, was uns widerfährt, auch mit unseren reaktiven Mustern, mit unseren Hirngespinsten, mit allem, was noch nicht so ist, wie wir glauben, dass es sein müsste.

 

Und in diesem Dableiben können, in diesem nicht verändern müssen, nicht anders sein müssen, kommen wir ganz zu uns selbst und öffnen uns für die Wahrheit jedes Augenblicks.

 

Kapitel 4 - Die Wahrheit des Urteilens

Wenn die Wahrheit, wenn die Wirklichkeit unbegrenzt und ungeteilt ist, können wir sie mit Worten nicht begreifen, können sie nie in ihrer Ganzheit „einfangen“. Worte grenzen ab, Worte teilen ein.

Die Welt über das Denken von Begriffen verstehen zu wollen, erschafft die Welt und erschafft das ich, das über die Welt nachdenkt.

 

Wenn ich das Ungeteilte teile, verliere ich die Einheit und erschaffe einen konflikthaften Zustand. Ich trenne mich ab und empfinde mich nun als abgetrenntes Ich, das über andere „Dinge“ urteilt. Ich bin nicht mehr in Deckung mit dem Ganzen, sondern nur mit einem Teil, der eine spezifische Geschichte und eine spezifische Perspektive hat (oder ist).

 

Einteilen bedeutet zum Beispiel, dies ist Nacht und dies ist Tag. Urteilen bedeutet, Nacht ist schlecht und Tag ist gut – also, dass ich den Tag lieber als die Nacht mag oder umgekehrt. Mit einem Ich gehen Präferenzen einher. Ich mag etwas und etwas anderes mag ich nicht. Ich bin etwas und etwas anderes bin ich nicht. Ich will etwas werden und etwas anderes will ich nicht mehr sein. Ich will berühmt werden. Ich will nicht mehr krank sein. Etwas passt nicht, immer, weil ich mich nicht mehr mit dem Ganzen decke, sondern nur mehr mit einem Teil und dieser Teil ist immer bedroht und ist immer noch nicht ganz da, wo er hingehört.

 

Wie löse ich aber diese Identifikation mit einem Teil, mit einem Ich auf? Ist das Aufgeben des Urteilens und noch mehr des Verurteilens – eine Verurteilung sagt: das ist nicht nur schlecht, es soll nicht mehr existieren! – ein gangbarer Weg?

 

Aber, solange ich das Urteilen aufgeben will, obwohl es noch da ist, ist es noch eine Lüge. Dann verneble ich nur weiter und gerate tiefer in die Illusion hinein. Und ist es nicht so, dass das Ich nicht nur urteilt, sondern ständig versucht, dem Urteil und den Verurteilungen zu entkommen oder ein mildes Urteil zu bekommen? An der Himmelstür nicht abgewiesen zu werden, sondern aufgenommen zu werden?

 

Kann ich also damit beginnen, das Verurteilen des Urteilens zu beenden?

Und spüren beginnen, dass hinter oder unter all den Einteilungen, den Worten und all den Urteilen diese ständige fließende, ungeteilte, grenzenlose, unendliche Lebendigkeit ist?

Kann ich erleben, dass all meine Urteile eine Wahrheit aus der Sicht einer Perspektive sind, aber nicht mehr?

Sind dann aber alle Urteile gleich gültig?

Oder gibt es Urteile, die der Quelle näher sind, weniger verzerrt sind?

 

Ich kann mehr aus Angst und Stress heraus urteilen und mehr aus Liebe und Frieden heraus. Das Urteil wird klarer sein, weil die Trübung durch Angst und Stress abgesunken ist oder sich aufgelöst hat.

Kann ein Urteil der Wahrheit entsprechen? Kann ein Urteil die Wirklichkeit abbilden?

Es kann „etwas“ wahrer sein, als etwas anderes.

Aber die Wahrheit kann nicht in Worte gefasst werden.

 

Kapitel 5 - Annehmen

ist das Tor zum Frieden. Alles darf so sein, wie es ist. Sogar der Widerstand dagegen. Jedes Gefühl darf gefühlt werden. Jedes „Kind“ ist willkommen.

Der „Krieg gegen die Wirklichkeit“ endet.

Oder biblisch gesagt: nicht mein, sondern dein Wille geschehe.

 

„Mein Wille“ wären da die Wünsche des Egos, verschont zu werden und nur das zu erleben, was ich mir als gut vorstelle. „Dein Wille“ wäre alles, was wirklich geschieht.

 

Das klingt nicht nur gut, es ist auch wahr. Aber was bedeutet das „praktisch“ für das alltägliche Leben, in dem alles stattfindet? Oder noch einfach gefragt: Wie mache ich das, den Kampf gegen die Wirklichkeit beenden und den Lebensfluss anzunehmen, wie er jetzt ist?

 

Denn ist es klar, ich kann das nicht „machen“. Wenn ich mich überzeugt habe, dass das Annehmen die Möglichkeit ist, in Frieden zu kommen, passiert erstmal meist das Gegenteil: ich unterdrücke meine Gefühle noch mehr, ich versuche meine Gedanken noch mehr zu manipulieren, als ich das ohnehin schon tue. Ich fühle zum Beispiel Ärger oder Ekel, Trauer oder Ablehnung und denke mir, dass das Gefühle des Nicht-Annehmens sind und lehne sie ab. Ich werte noch mehr von der Wirklichkeit, zu der ja auch meine Gefühle und Gedanken gehören, als inakzeptabel, als nicht gut und verenge mich damit noch ein Stück mehr, im Versuch, die Wirklichkeit anzunehmen.

 

„Du solltest dich doch nicht über alles Mögliche aufregen!“

„Hör auf diese Menschen oder Situationen zu kritisieren!“

„Jetzt bist du unglücklich! Das zeigt, dass du es nicht richtig machst! Wenn du alles annehmen könntest, wärest du glücklich oder zumindest im Frieden!“

 

Das kann zu einer teuflischen Dynamik werden, zu einer vertieften Selbst-Ablehnung im Versuch, anzunehmen zu üben. Oder dankbar zu sein oder ein guter Mensch zu sein und so weiter.

Wie stoppe ich diese Dynamik, wie verwandle ich sie?

Indem ich zuerst das annehme, das da sein lasse, was mir am Nächsten ist oder erscheint – meine eigenen Gefühle, Bewertungen, Wahrnehmungen. Zuallerst darf ich so fühlen, empfinden, wahrnehmen, sein wie ich im Moment fühle, empfinde, wahrnehme, bin.

 

Und das ist für die meisten sehr ungewohnt, sind wir doch in einer Gesellschaft aufgewachsen, die auf „Zurichtung“ zielt, ja basiert. Es geht immer um die Richtung, wohin es gehen soll und wohin es nicht gehen soll. Wie wir sein sollen und wie wir nicht sein sollen. Es geht um Idealvorstellungen und da wir diesen nie entsprechen, regieren Verschleierung und (Selbst-)Täuschung.

 

Erst wenn alles sein darf, wie es sich gerade zeigt – deine Gefühle, Empfindungen, Gedanken, Rollen, deine Situation – kann es weiter gehen. Solange du nicht dort sein willst, wo du bist, solange du also nicht bei dir ankommen willst, kannst du nicht woanders hin kommen, kannst du nicht ein anderer werden. Und wenn du nicht mehr wo anders sein willst, als du bist, „musst“ du wohl auch nicht mehr wo anders hin kommen. Das geschieht dann sowieso wie von allein.

 

Es geht dabei, so könnte man es auch sagen, um eine tiefere Innigkeit mit dir selbst. Es geht nicht darum, alles an dir gut zu finden, das schädlich ist für dich oder andere – das sind meist Muster, die sich aus Schädigungen oder aus Abwehr von Schaden entwickelt haben – es geht darum sich dessen anzunehmen. Wie ein guter Vater oder eine gute Mutter diesem Teil von dir selbst Aufmerksamkeit und Zuneigung zu geben. Liebe.

 

Nicht als „muss“, sondern als ein dich auf die bislang ungeliebten und verstoßenen Teile von dir einzulassen, anstatt sie gewohnheitsmäßig zu denunzieren. Beginne beim Annehmen also bei dir selbst. Alles andere wird daraus folgen.

Das bedeutet eben nicht, diesen Mustern einfach zu folgen, endlich ohne schlechtes Gewissen – sie also zwar abzulehnen, aber ihnen dennoch nachzugeben – es bedeutet, fühlend anwesend mit ihnen zu bleiben. Und wenn sie sich gut anfühlen, dann kannst du sie neu bewerten und integrieren. Und wenn sie sich nicht gut anfühlen – fühle das und vielleicht will sich etwas wandeln.

 

Annehmen bedeutet also in erster Linie, sich selbst zu umarmen, mit allem was du bist. Das Licht dieser Hinwendung kann uns tiefer wandeln, als jede andere Kraft.

 

Kapitel 8 - Liebe in Zeiten des Krieges

Zwischen Dunkelheit und Licht, männlich und weiblich, Leben und Tod und all den anderen Polen ist kein Krieg. Das eine geht in das andere über, verbindet sich mit dem anderen, ist von dem anderen nicht wirklich getrennt. Es sind Unterschiede, die das Leben erst ermöglichen und es geht niemals darum, dass sich das eine gegen das andere dauerhaft durchsetzt. Stille und Ton, Schlaf und Wachsein bedingen sich, sie sind zusammen die Musik des Lebens, wieso sollte eines gegen das andere siegen wollen? Nacht und Tag wechseln sich ab, die eine wird allmählich der andere. Wenn wir das als Kampf und Sieg und Niederlage beschreiben, ist das einfach eine bestimmte Perspektive, nicht die Wahrheit dessen, was sich da abspielt.

 

Diese grobe Perspektive aber ist zu einer dominanten Geschichte geworden, in der es stets eine gute und eine böse Seite gibt und deren „happy end“ darin liegt, dass sich eine Seite – die gute – dauerhaft gegen die andere Seite – die böse – durchsetzt. Ein für alle Mal muss die böse Seite ausgelöscht werden, damit endlich Friede einkehrt.

Natürlich sehen wir am Beispiel von Nacht und Tag, dass diese kriegerische Geschichte Unsinn ist. Dennoch leben wir sie, erleben und erleiden wir sie in unserem Denken, Fühlen, Handeln, auf der individuellen, auf der Beziehungs- und auf der kollektiven Ebene, mal mehr im Hintergrund, mal mitten auf der Bühne des Lebens.

 

Ist Krieg eine natürliche Erscheinungsform als Gegenüber von Frieden? Sind Krieg und Frieden zwei Ausprägungen eines Themas mit vielen Schattierungen dazwischen, so wie es mit Krankheit und Gesundheit der Fall ist? Mitten im Krieg ist der Frieden anwesend und mitten im Frieden der Krieg, beides gehört zusammen?

Oder ist Krieg eine Monstrosität, die der Besonderheit des menschlichen Denkens entsprungen ist, eine tödliche Krankheit des Geistes, widernatürlich und gegen die Gesetze Gottes? Wir machen aus einem Gegenüber einen Gegner, der vernichtet gehört, ausgelöscht, der das ganz Andere, das Böse ist, von dem wir uns abtrennen müssen, schützen, mit aller Gewaltsamkeit, die blind dafür ist, dass die beiden Gegenüber zusammen gehören, dass sich hier jemand – wir – selbst vernichten will, unempfindlich für den Schmerz, den wir uns selbst zufügen? Hier ist offenkundig ein Ungeist am Werk, der trotz der Erfahrung des ständigen Scheiterns, sich tiefer und tiefer in den Wahn hinein bewegt. Da wird Viren der Krieg erklärt, Drogen, dem Terror, dem Klimawandel, da sollen ganze Gruppen von Menschen vernichtet werden, weil sie es nicht wert seien, zu leben. Und der Krieg wird dabei verstetigt, er wird gesteigert, bis die wechselseitige Vernichtung an Attraktivität gewinnt, damit endlich Schluss ist, bis also das Leben selbst zum Gegner im „Endkampf“ wird.

 

Die Gräuel des Krieges wurden oft beklagt und verurteilt. Will nicht jeder, will nicht jede den Frieden? Aber, kann man für den Frieden kämpfen, kann man den Krieg bekriegen? Wie wird man nicht zum mörderischen Soldaten für die gute Sache und auch nicht zu einem weiteren Opfer in einem Krieg, dessen erstes Opfer ja die Wahrheit ist, wie gesagt wurde?

Gibt es vielleicht einen großen Frieden, der Frieden und Krieg umfasst, so wie es das Leben gibt, das Leben und Tod umfängt, wie es im Taoismus das große Weibliche gibt, dass das Männliche und das Weibliche birgt? Wie es ein Licht gibt, dass Licht und Dunkelheit enthält, wie es eine Liebe gibt, die immer größer ist als die menschliche Liebe und der menschlichen Hass, die beides hervorbringt und verwandelt?

 

Der Beginn dieses großen Friedens liegt in der Erkenntnis, dass es keinen Feind gibt, der letztlich nicht auch du bist. In der Erfahrung, dass das Leben im Grunde ein Fluss ist, untrennbar und keine Anordnung an Dingen, die getrennt voneinander existieren. Dann kann der Blick frei werden, dann kann das Herz sich öffnen. Liebe in Zeiten des Krieges überdeckt die Wirklichkeit nicht mit Zuckerguss, sie leugnet Grausamkeit und Schmerz nicht, sie stellt sich auf keine Seite der Frontlinie, aber sie erkennt Manipulation und Täuschung und kann sie klar benennen. Liebe verschwindet nicht, wenn der Krieg beginnt, auch Wahrheit verschwindet nicht, wenn der Krieg beginnt. Liebe, Frieden, Wahrheit sind größer als der Krieg, auch wenn der Krieg in manchen Zeiten alles überschatten mag. Denn die Wurzeln des Krieges reichen tief, bis hin zu dem Moment, als wir uns mit Blindheit geschlagen haben, um uns ein eigenes Leben ausdenken zu können. Liebe in Zeiten des Krieges schenkt sich selbst der Ganzheit zurück. Sie gibt sich den unauflösbaren Widersprüchen hin, ohne in Wahnsinn, Ohnmacht oder Gewalt zu flüchten.

 

Das ist unmöglich zu schaffen und es ist das, was wirklich hilft und den Krieg beendet, in dir und in allem

 

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